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memorylab

Kritik von memorylab

Gesehen: Februar, 2022

Ich habe mich schwer mit einer kompakten Kritik getan – zu sehr rattert das Hirn durch die sehr dunkle Handlung nach der Wiederholung dieses Streifens. Daher folgt hier ein Mix aus Kritik, Zusammenfassung und Analyse mit umfassenden Spoilern.

Einer der ungewöhnlichsten Seherfahrungen hatte ich mit Charlie Kaufmans Psycho-Drama-Mischung I’m thinking of ending things. Der Film ist ideal für das Streaming-Format, denn Kaufman legt viele Hinweise auf die Bedeutung der Charaktere und der Umgebung wie Brotkrumen heimlich aus, sodass ein mehrfaches Sehen nicht nur angeregt wird, sondern auch Pflicht ist. Zusätzlich gilt volle Konzentration auf das Bild: Die Opening Credits im sehr kleinen Schriftgrad und die sporadisch auftauchende Musik lenken den Fokus auf die sehr komplexen Dialoge. Das 4:3-Bildformat unterstützt dies und sorgt im späteren Verlauf für eine beklemmende Stimmung. Dennoch empfehle ich beim ersten Mal den Film komplett durchlaufen zu lassen, um im zweiten Durchgang beim Pausieren und Zurückspulen die Sätze und Elemente zu entschlüsseln.

Das Bild der Beziehung hängt schief

Die Geschichte spielt in der Winterjahreszeit. Die Studentin Lucy (Jessie Buckley) wird von ihrem Freund Jake (Jesse Plemons) mit dem Auto abgeholt, doch zuvor glaubt sie, dass sie sich von jemanden aus einem höheren Stockwerk beobachtet fühlt. Daraufhin wird ein älterer Herr mit grauen Haaren gezeigt, der in einem aufgeräumten Haus aus dem Fenster scheinbar in ihre Richtung blickt. Der Film wechselt gelegentlich zwischen zwei Handlungssträngen: Zum einen begleiten wir das junge Paar Lucy und Jake auf ihrer langen Fahrt hinaus aufs Land zu seinen Eltern, auf der anderen Seite das Leben des älteren Herrn als Hausmeister auf einer High School.

Ein Schneesturm treibt sein Unwesen während der Autofahrt und es beginnt sich ein philosophischer Dialog zwischen Lucy und Jake zu entwickeln. Beide bewegen sich auf einem hohen Sprachniveau – ein Fremdwort jagt das nächste. Ein stetiges, intellektuelles Kopf-an-Kopf-Rennen findet statt und das Nachvollziehen ihrer Standpunkte wird zu einer enormen Herausforderung. Kurze Anmerkungen und saloppe Ausdrücke lassen den Zuschauer, dankenswerterweise, für einen Moment durchatmen. So sprechen sie unter anderem über die Existenz der Menschen und wir hören Lucys Ansicht, dass der Mensch im Gegensatz zu den Tieren nicht in der Gegenwart leben kann und aus diesem Grund die Hoffnung erschaffen hat, um über das Leben nach dem Tod zu fantasieren – eine depressive Aura bahnt sich ihren Weg und umhüllt die Gesprächsatmosphäre.

Parallel entsteht zwischen ihnen eine Disharmonie, was Lucy immer wieder dazu veranlasst die Beziehung gedanklich beenden zu wollen, weil es zwischen ihnen nicht stimmt. Beispielsweise trägt Lucy ein deprimierendes Gedicht namens „Bonedog“ vor, in dem das schmerzliche Gefühl über die ständige Heimkehr sie regelrecht auffrisst. Jake reagiert auf das Gedicht lediglich mit einem tiefen „wow“ und wirft leichte Komplimente hinterher, die von mangelnder Wertschätzung zeugen. Alles wirkt wie eine mentale Version von Loriots Zimmerverwüstung – „das Bild hängt schief“ oder in diesem Fall kommt es zu einer Aneinanderreihung von Missverständnissen und reibenden Meinungen während des Films – ein langsamer Zusammenbruch ihrer Beziehung, der in endgültiger Abneigung seitens der jungen Frau endet.

Zu der Disharmonie gesellt sich eine schreckliche Stille, als die beiden das Haus von Jakes Eltern betreten. Zugleich treten die ersten Mindfuck-Momente zum Vorschein, denn Lucys Kleidung ändert sich und nicht nur das – auch wird sie von Jake nun als Louisa vor seinen Eltern bezeichnet – ihr Name wechselt sich im Film mehrfach. Während des Abendessens wirkt Jake sichtlich in sich gekehrt und seine Eltern, hervorragend gespielt von Toni Collette und David Thewlis, ignorieren ihn weitestgehend und reden stattdessen mit Louisa über ihre künstlerischen Arbeiten und Herangehensweisen. Doch hinter der Stille brodelt es in Jakes Innerem. Er korrigiert seine Mutter ständig und es platzt ihm schließlich heraus und haut bei den Wörtern „Genius – Genus“ auf den Tisch. Nach dem Essen gleitet der Film ins Mysteriöse und die Verwirrung beim Zuschauer steigt, wenn Louisa im Haus sondiert und unter anderem Kratzspuren an der Kellertür entdeckt. Sie stellt sich seine Eltern im deutlich höheren Alter vor und sie erzählen, wie Jake sich zunehmend isoliert und er es einfach nicht schafft, aus dem Haus auszuziehen. Der Konflikt zwischen Jake und ihnen zeigt sich und die zerkratzte Tür lässt auf seine furchtbare Kindheit schließen. Louisa möchte indes einfach nur aus dem Haus raus trotz des zunehmenden Schneesturms.

Mit Schneeketten an den Autoreifen beginnt ihre Rückfahrt und die philosophische Schlacht geht in die zweite Halbzeit. Nicht wenige werden ab dem Zeitpunkt den Kopf abschalten und das Ganze als prätentiös abtun, doch dieser Eindruck ändert sich zum Schluss komplett. Die verwirrenden Momente setzen sich fort – die junge Frau wird nun Ames genannt und für einen kurzen Moment wird eine Frau gezeigt, die der Hausmeister zuvor auf einem Fernsehbildschirm in der Mensa gesehen hat. Nach einiger Zeit möchte Jake Louisa noch eine High School zeigen, dessen Ausstattung er auch genauestens kennt, darunter 130 Klassenzimmer, eine Sporthalle und eine Aula. Beim Zuschauer dämmert es so langsam, dass Jake der altgediente Hausmeister aus dem zweiten Erzählstrang ist.

Der Dialog zwischen Jake und der jungen Frau endet damit, dass sie doch lieber bei ihm bleiben soll, da es draußen zu kalt und stürmisch ist. Die gestresste junge Frau antwortet darauf zurecht, dass diese Worte von einem Vergewaltiger stammen könnten, was Jake verneint und gar nicht so gemeint hätte. Als sie sich schlussendlich im Auto vor der High School küssen, sieht Jake, dass sie vom Hausmeister beobachtet werden. Völlig erbost geht er zur Schule, um ihn zu stellen und ist nicht mehr wiederzufinden. Die junge Frau betritt ebenfalls die Schule, um nicht im Auto zu erfrieren und begegnet auf einem Flur den Hausmeister. Sie fragt nach Jake, kann sich aber gar nicht an sein Gesicht erinnern, geschweige denn beschreiben. Er kann ihr auch nicht weiterhelfen, reagiert stoisch und nach einer traurigen Umarmung verabschieden sie sich.

Der Untergang der Traumwelt

Im Schlussakt gibt es eine längere Musical-Sequenz, in der eine traumhafte Entstehung und Zelebrierung der Beziehung zwischen einem jungen Jake und der jungen Frau gezeigt wird. Die Stimmung kippt, als der Hausmeister ins Bild kommt und beginnt mit ihr zu tanzen. Sie möchte sich loslösen und der junge Jake eilt ihr herbei. Er wird aber vom Hausmeister mit einem Messer erstochen – Jakes Traumbeziehung wird im herunterrieselnden Schnee begraben und seine traurige Realität als einsamer Hausmeister setzt wieder ein. In einer Dankesrede auf einer fiktiven Nobelpreisverleihung verrät Jake, was er eigentlich von sich selbst und der Gesellschaft gewünscht hat: Glück, Anerkennung und eine Frau an seiner Seite bis an sein Lebensende. Doch dies ist niemals in Erfüllung gegangen. Die junge Frau hat er nie gefunden, hat nie existiert und war Teil seiner Vorstellung. Seine Traumwelt geht unter. Mit seinen panischen Gedanken setzt er sich selbst ein Ende, indem er in seinem Pick-Up erfriert. Die letzte Einstellung zeigt den mit Schnee überdeckten Pick-up am helllichten Tage und der Sturm lichtet sich.

Die komplette Tragik des von Jesse Plemons gespielten Charakters entfaltet sich beim zweiten Sehen. In Wahrheit handelt es sich bei dem Titel I’m thinking of ending things nicht um einen Schlussstrich einer fiktionalen Beziehung, sondern um einen gealterten Mann mit weit fortgeschrittener Schizophrenie und Depression, der den Entschluss gefasst hat sein Leben zu beenden. Wenn man realisiert, dass Jake der gegenwärtige Hausmeister ist, seine Freundin eine Einbildung ist und wir in Wahrheit ausschließlich seine Gedanken aus beiden Personen hören, ist die Fassungslosigkeit förmlich zu spüren. I’m thinking of ending things ist ein schockierend düsteres Meisterwerk von Charlie Kaufman mit exzellentem Schauspiel und bietet eine seltene Perspektive in die letzten Stunden eines isolierten, vereinsamten Menschen.

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