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Polnisches Drama von Roman Polanski aus dem Jahr 1962. Ein Ehepaar bereist die Masurischen Seen. Unterwegs zu einem Segeltörn treffen sie einen trampenden Studenten, den sie einladen, mit auf das Boot zu kommen. Doch relativ schnell entstehen Spannungen zwischen ihnen, die in einer bitteren Auseinandersetzung zwischen den zwei Männern enden.
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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Nach diversen Kurzfilmen war Das Messer im Wasser der erste Spielfilm vom späteren Meisterregisseur Roman Polanski (Der Pianist), der ihn schlagartig auch jenseits des Eisernen Vorhangs bekannt machte. Der Kritikerpreis bei den Filmfestspielen in Venedig sowie eine Oscarnominierung als bester ausländischer Film waren der Lohn und ermöglichten es ihm direkt im Anschluss seine Karriere im Westen fortzusetzen. Seine Mischung aus Beziehungsdrama und Psychothriller stellte nicht nur die bereits hier bestechenden, formellen Fähigkeiten des Regisseurs eindrucksvoll zur Schau, sondern besitzt unter der augenscheinlichen Handlungsoberfläche einen fast noch interessanteren Subtext. Der unter den zeitlichen und politischen Gegebenheiten erstaunlich ist, wurde so etwas doch im Ostblock nicht gerne gesehen. Vielleicht war es zu subversiv, so dass die Zensur es übersah.

Ein Ehepaar gabelt auf dem Weg zu einem Segelturn einen jungen Studenten auf. Der Anhalter begleitet sie spontan auf ihre Bootstour, obwohl das Verhältnis zwischen ihm und Ehemann Andrzej von Anfang an durch provokante Sticheleien geprägt ist. Warum lädt ihn Andrzej denn dann überhaupt ein? Nun, seine Gattin Krystyna verbal zu piesacken ist keine Herausforderung mehr, zu sehr hat sie sich seinem dominanten, herrischen Verhalten bereits untergeordnet bzw. hat es verstanden, dieses elegant und ohne größere Reibungspunkte in ihrem Alltag abprallen zu lassen. Selbst als er ihr während der Hinfahrt korrigierend wie ein Fahrlehrer in der ersten Stunden ins Lenkrad greift kommentiert sie das zwar missfallend, aber ohne einem größeren Konflikt Nährboden zu verleihen. In dem jungen Mann hingegen sieht Andrzej wohl ein gefundenes Fressen. Jemand, den der notorische Besserwisser und Alleskönner mit seinem Wissen und seinem Talent bloßstellen, erniedrigen und herabwürdigen kann, dargeboten durch allerhand selten direkt aggressiver, aber überheblicher und despektierlichen Äußerungen. Einen harmlosen Sparringspartner, um sich selbst zu profilieren und vor Krystyna Eindruck zu schinden.

Von Beginn installiert Polanski eine beunruhigende Atmosphäre, in dem er die drei Protagonisten völlig sich selbst überlässt. Niemanden begegnen sie im Lauf der Geschichte, selbst vor dem beengten Kammerspiel zu Wasser. Eine beinah gespenstische Stimmung, als wären sie die letzten Menschen auf der Welt, nur konzentriert auf ihre früh Unheil prophezeiende Dreieckskonstellation. Denn auch der Anhalter scheut den Konflikt, die Konfrontation nicht und scheint ebenfalls Krystyna in gewisser Weise beeindrucken zu wollen. Diese schwelende, subtile, aber jederzeit deutlich spürbare Anspannung, sie komprimiert sich mit der Zeit immer mehr und kann auch nicht durch zwischenzeitliche Momente des Zusammenhalts oder die illusorische, aufgesetzte Harmonie während eines Mikado-Abends unter Deck vertuscht werden. Die Eskalation, sie scheint unvermeidlich. Die Frage ist nur, wie und wann sie stattfinden wird. In diesem Element besitzt Das Messer im Wasser klare Merkmale des Psychothrillers, der auch ohne ganz konkrete Gefahrensituationen eine unbehagliche, brodelnde Spannung evoziert.

Hinter dieser Fassade schildert Polanski jedoch eine kluge Metapher auf gesellschaftliche Hierarchien und auch die politische Situation dieser Tage wird geschickt und hinter vorgehaltener Hand kritisch analysiert. Andrzej gehört einer privilegierten Minderheit an. Besitzt ein gutes Auto, ein Boot, ist im Kommunismus dennoch in gewisser Weise wohlhabend. Auf die Frage zu Beginn, ober er die Scheibenwischer am Auto lassen würde und nicht besorgt sei, dass sie gestohlen werden, entgegnet er lapidar, dass er sich dann eben neue besorgen würde. Klingt nebensächlich, ist aber im Kontext bezeichnend. Dementsprechend blickt er auf das Proletariat und alle anderen „Minderwertigen“ geringschätzig herab. Symbolisiert diejenigen, die nicht von der kollektiven Gleichschaltung des Systems betroffen sind, zumindest in weiten Teilen. Eine Ungerechtigkeit, die es vom Grundgedanken dort so ja gar nicht geben sollte. Ihm gegenüber steht der Student, ein Sinnbild für den jungen Durchschnittsbürger, der nicht bereit ist diese Schieflage und Herabwürdigung kampflos zu akzeptieren. Dessen Aufbegehren im Kleinen eher belächelt wird und dem immer wieder süffisant seine Grenzen und sein Status demonstriert wird.

Eine das beiläufig, aber hervorragend hervorhebende Sequenz ist eine Totale, in der der Anhalter am Bug paddelt und schuftet, während die beiden anderen am Heck fröhlich kichern und keinen Finger krumm machen. Symbolcharakter besitzt natürlich auch das titelgebende Klappmesser, welches der junge Mann stolz als eine geringfügige, für ihn aber offenbar äußerst wichtige, essentielle Art des Luxus ansieht („Wenn man vorwärts kommen will im Leben, dann braucht man ein Messer.“) Das ist sein Besitz, sein kleines Privileg. Als es durch Andrzej’s Hand in einem Akt der Demütigung und Dominanz über Bord geht, wird das Machtspiel der Großen den Kleinen gegenüber in dem Duell zweier Männer auf einem Boot manifestiert. Und der Punkt erreicht wird, an dem diese Diskrepanz zwangsläufig zur Explosion führen muss. An dem dem Ehepaar sogar gewahr wird, dass sie nach über 24 Stunden noch nicht mal den Namen dieses Mannes kennen, er sie auch überhaupt nicht interessiert hat. Wie doppelmoralisch, selbstgerecht und sich dabei trotzdem sogar selbstbelügend spezielle Andrzej – und stellvertretend für ihn das projizierte gesellschaftliche und politische Konstrukt – ist, wird in der letzten Szene treffend und clever thematisiert.

Rechts in Richtung Polizei würde bedeuten, er gesteht die Schuld am Tod eines Menschen ein. Links in Richtung zuhause würde bedeuten, er glaubt seiner Frau, müsste dann aber mit der Gewissheit leben, dass sie ihn – einen stolzen und komplett von sich selbst überzeugten Mann – mit einem ihm nicht Ebenbürtigen betrogen hat. Egal welche Richtung er einschlägt, es wäre eine Demütigung und würde seine Fehlerhaftigkeit beweisen. Also bleibt der Wagen einfach an der Kreuzung stehen. Verharren in der Ignoranz und dem Nichtstun, obwohl einem bewusst sein muss, dass dies nicht mal eine Lösung auf Zeit ist. Aber alles andere ist keine Option. Zum Scheitern verurteilt, es wird nur so lange hinausgezögert, damit das eigene Weltbild und die Selbstwahrnehmung nicht aktiv demontiert werden. Der Kapitän geht mit seinem Schiff unter.

Fazit

Mit geringen Mitteln, aber wahnsinnig viel Talent und einem hintersinnigen Plot versehen hinterlässt Roman Polanski bereits bei seinem Spielfilmdebüt eine beeindruckende Duftmarke. „Das Messer im Wasser“ ist auf Anhieb (fast) auf einer Stufe mit vielen seiner späteren Arbeiten und für ein in Polen realisiertes Erstlingswerk auch technisch bereits auf einem erstaunlich hohen Niveau. Deutungsreich und voller gesellschaftlicher, politischer, zwischenmenschlich-psychologischer und sexueller Anspielungen ein Film mit hoher nachdenklicher, rekapitulierender Wirkung.

Autor: Jacko Kunze

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