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Inhalt

Die Rechtsanwältin Marianne reist in die mittelschwedische Provinz Dalarna, um ihren Ex-Mann Johan zu besuchen, den sie seit mehr als 30 Jahren nicht gesehen hat. Auch wenn die Begrüßung noch herzlich ausfällt, bricht kurz darauf der Sarkasmus und die Verbitterung des alten Medizinprofessors hervor. Für seinen psychisch labilen Sohn hat er nur Verachtung übrig. Auch Marianne hat das Gefühl, als Mutter ihrer beiden Töchter versagt zu haben. Gemeinsam schauen sie auf die Trümmer ihres verpfuschten Lebens...

Kritik

In Ingmar Bergmanns letztem veröffentlichten Werk widmet sich der schwedische Regisseur vor allem drei zentralen Themen: Zum einen dem retrospektiven Zurückschauen auf die Trümmer der Vergangenheit, wo auch der direkte Zusammenhang zum Vorgänger geknüpft wird,  zum anderen auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau und auf die Kommunikation als wichtigster Bestandteil menschlicher Beziehungen. Letzteres lässt sich wie ein Bogen über den gesamten Film spannen, denn Bergmann ist interessiert daran, die verschiedensten Facetten der Kommunikation zu erörtert, indem er uns viel über Beziehungen erzählt. So soll es im Rahmen dieser Kritik darum gehen, die einzelnen in dem Film vorgestellten Beziehungen zu erläutern und die essentielle Botschaft zur Kommunikation herauszuarbeiten. 

Der Film beginnt mit Marianne, deren zutiefste Verletzlichkeit hinter einer pragmatisch beobachtenden Fassade wunderbar von Liv Ullmann(Auf der Suche nach Ingmar Bergmann) verkörpert wird. In einem Prolog sitzt sie vor einem Schreibtisch mit Fotografien vor sich und führt den Zuschauer direkt in die Geschehnisse ein. Die erste kommunikative Beziehung, die so offensichtlich ist, dass man sie schon fast vergessen könnte, ist die zwischen Film und Zuschauer. Diese ist - nahezu selbsterklärend - eine Einbahnstraße, in der dem Zuschauer ausschließlich erzählt wird. Und so ist auch der Film aufgebaut, der nach einer direkten Ansprache des Publikums, dieses bis hin zum Epilog zu ignorieren scheint. Bergmann legt keinen großen Wert auf Spannung, sondern auf die Echtheit des Moments, die der Zuschauer als solche hinzunehmen hat. 

Der zweiten Beziehung begegnen wir wenig später zwischen Marianne und Johan (Erland Josephson, Vendetta), in der es um das melancholische Zurückblicken gehen soll. Sarabande ist eine Fortsetzung zu Szenen einer Ehe aus 1973, in dem der Konflikt zwischen Marianne und Johan gelegt wird. Die beiden Protagonisten begegnen sich hier nicht mit einer brennenden Wut, sondern mit einer Resigniertheit, die nicht für das Vergessen steht, sondern für die Banalität des Vergangenen. Es ist zu spät, um die Splitter alter Tage aufzusammeln und aus ihnen etwas Neues zu basteln und es bleibt nicht genügend Zeit, um sich über den Splitterhaufen zu beklagen. So bleiben beide in einem Zwischenraum aus Melancholie, Wut und Zuneigung hängen, der emotional aufwühlend und unklar bleibt. Die Kommunikation ist hier so direkt, dass sie sich in ihrer oftmals humoristischen Bitterkeit wieder entfremdet anfühlt. So nah und doch so fern stehen sich die beiden.

Kommunikation ist demzufolge stets auch als Wechselspiel zwischen Nähe und Ferne, zwischen An- und Abwesenheit, zu verstehen. So ist auch die Anwesenheit eines Wortes oder eines Lächelns nur durch die vorige und spätere Abwesenheit geprägt. Würde ein Klang niemals enden, könnten wir ihn nicht als solchen identifizieren und würde ein Lächeln niemals stoppen, würden wir es nicht als besonders verstehen. Und so haben wir auch den Prolog und Epilog zu verstehen: Als Zeichen der Abwesenheit insofern, dass sich Marianne den Geschehnisse entzieht, und als Zeichen der Abwesenheit insofern, dass sie sich in einen direkten Dialog mit den Zuschauern begibt. Die Beziehung zwischen Marianne und Johan findet ihren tragischen Höhepunkt in der stetigen Ungewissheit der Interaktion, die so paradoxerweise gleichzeitig offener und verschlossener kaum sein könnte. 

Dieses Zurückblieben und Aufarbeiten bietet den richtigen Rahmen für zwei weitere Beziehungen, die im Fokus stehen. Zum einen die Beziehung zwischen Henrik (Börje Ahlstedt, Exit)und seiner Tochter Karin (Julia Dufvenius, Psalm 21) und zum anderen die Beziehung zwischen Henrik und seinem Vater Johan. Henrik führt eine auch kommunikativ autoritäre Beziehung zu seiner Tochter Karin, in der er sie aus Eigenwillen und Fürsorge formen möchte. Wenn Karin aus diesem Verhältnis ausbricht stört sie die autoritäre Ordnung und bringt das der Beziehung innewohnende System zum Sturz. Jemand, der Autorität ausübt, braucht stets jemanden, auf den er diese beziehen kann. Wenn dieses Bezugssubjekt wegfällt, so fällt die Autorität weg. Henrik hat darunter zu leiden, dass der Schutz seiner Tochter nicht mehr in seinen eigenen Händen liegt, nicht mehr in seinem Machtbereich steht. 

Die Beziehung zwischen Henrik und Johan ist geprägt von Hass und Gleichgültigkeit, was eine sehr interessante Wechselwirkung darstellt. Schließlich ist Hass, gerade in dieser ultimativen Form, in der Henrik ihn verspürt, eines der intensivsten Gefühle, während Gleichgültigkeit eine Gefühllosigkeit einer Person gegeben ausstrahlt. Es ist jedoch nicht der Hass, sondern die Gleichgültigkeit, die eine stärkere Waffe darstellt. So kann man nicht nicht kommunizieren, wodurch auch die Gleichgültigkeit eine Form der Kommunikation darstellt, eine deutlich herabwürdigendere Form, als es der Hass darstellen kann. Der Hass erfordert im Endeffekt eine Form des Respekts, eine Form der Anerkennung. Man kann nur etwas hassen, das über eine gewisse Relevanz verfügt, sonst würde es dieses starke Gefühl nicht hervorrufen. 

Verbunden wird diese Charakterkonstellation durch Henriks verstorbene Ehefrau Anna, die eine direkte oder indirekte Beziehung zu allen Charakteren hegt, jedoch nie in eine Interaktion tritt und dennoch schwebt ihre Anwesenheit dauerhaft spürbar über jedem Konflikt. Die Kommunikation des Menschen endet demzufolge erst mit dem Dasein des Menschen. Dennoch verschwindet die Bedeutung des Menschen nicht, die im Grunde genommen auch eine kommunikative Wirkung auf die Personen im Umfeld hat. Demzufolge endet die Kommunikation zwar mit dem Dasein des Menschen, das Dasein des Menschen jedoch nicht mit dem Tod. Das menschliche Dasein erfordert also Kommunikation, die wiederum Menschen erfordert und von diesen abhängt. Ein gesprochenes Wort funktioniert in jeder Interaktion anders und hängt stets von den interagierenden Parteien ab: Kommunikation ist etwas Menschliches und vor allem in jedem Fall Einzigartiges. 

Fazit

"Sarabande" lässt uns verstehen, dass der Mensch nicht nur in der ständigen Kommunikation gefangen ist, sondern auch dass diese zwischen den Menschen gefangen ist: Zwischen Hass, Angst und Gleichgültigkeit entdeckt Bergmann die Menschlichkeit. 

Autor: Maximilian Knade

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