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Sieben Familien in einer Vorstadt von Austin, Texas. Töchter, Söhne, Mütter, Väter. Alle ganz normal verrückt, alle auf der Suche nach einem kleinen Stück vom großen Glück, das so nah ist und doch so unerreichbar weit weg zu sein scheint. Die Männer suchen nach pornografischer Ablenkung im Internet, die Frauen vermissen Zärtlichkeit und Erfüllung, die Jungs sind besessen von Spielen wie "World of Warcraft", die Mädchen setzen sich selbst unter Druck, immer noch dünner und hübscher zu werden. Alle sehnen sich nach echtem Kontakt in einer realen Welt, doch alle leben aneinander vorbei. Und die so simplen, vermeintlich unendlichen Möglichkeiten moderner Kommunikation machen alles noch komplizierter - und schaffen ein Dasein, geprägt von digitaler Nähe und analoger Entfremdung.

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Quelle: themoviedb.com

Kritik

1977 geht die Raumsonde Voyager 1 auf Mission ins All. Zu ihrer Fracht gehört eine Datenplatte mit Bildern und Tonaufnahmen. Grußbotschaften in verschiedenen Sprachen, ausgewählte Musikstücke von Mozart bis Chuck Berry, Tierstimmen, das Geräusch eines Kusses, der Schrei eines Babys: Man erhoffte sich damit, für etwaige andere Lebensformen im All ein Bild von der Menschheit zeichnen zu können. Einen Ausschnitt.

»#Zeitgeist« beginnt mit einer Collage jener Klänge. Mit dem Bild des »pale blue dot«, der Erde, aufgenommen von Voyager 1 im Jahr 1990 — vom Rande unseres Sonnensystems. Da liegt unser Heimatplanet als winziger, kaum erkennbarer Punkt inmitten der Weiten des Alls. Was aber treibt die Menschen um, die goldene Platten mit Musik und Grußbotschaften in den Weltraum jagen und am liebsten mit irgendwem da draußen kommunizieren würden?

Der Cut, der vom Intro in die eigentliche Filmhandlung führt, bringt die Antwort auf diese Frage bereits ein wenig zynisch auf den Punkt: Familienvater Don (Adam Sandler) nutzt den Computer seines Sohnes, um sich auf einer Porno-Seite für die tägliche Runde Selbstbefriedigung anzumelden. Dass sein Sohn solche vielsagenden Videos längst für sich entdeckt hat, erkennt Don verblüfft am Browserverlauf — und klickt einfach mal vielversprechende Titel an.

Doch die Geschichte von Don und seiner Familie ist keineswegs die einzige, der sich Regisseur Jason Reitman (»Juno«, »Up in the air«) in seinem neuen Streifen widmet. »#Zeitgeist«, im Originaltitel »Men, Women & Children«, ist ein Ensemblefilm, der — basierend auf dem Roman von Chad Kultgen — die Schicksale verschiedener Teenager und ihrer Eltern unter die Lupe nimmt.

Das Streben nach Nähe, Zuneigung, Liebe und vor allem Sex in den Zeiten der digitalen Kommunikation ist dabei der rote Faden, der alle miteinander verbindet. Denn »#Zeitgeist« spielt in unserer Gegenwart. Smartphones und Internet, Social Media-Angebote wie Youtube, WhatsApp, Tumblr und Facebook sind allgegenwärtig. Längst haben sie neue Räume der Kommunikation geschaffen. Der Film begleitet die Frage, wie sich dies auf die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen auswirkt. Wie lässt sich Nähe erreichen (oder vermeiden?), wenn sie über virtuelle Umwege gesucht wird?

Dabei zeigt »#Zeitgeist« vielfältige Beispiele für den Umgang der Menschen mit diesen neuen Möglichkeiten auf und folgt dabei Jugendlichen wie Erwachsenen. Da sind nicht nur Don und seine Frau Helen (Rosemarie DeWitt), die sich aus der eintönig gewordenen Ehe in die Verlockung von Online-Dating-Angeboten flüchten.

Da ist auch die äußerst selbstbewusste Hannah (Olivia Crocicchia), die für ihre Mutter Donna (Judy Greer) vor der Kamera posiert und stolz auf die Fotos ist, die auf ihrer Homepage landen. Mutter und Tochter träumen von Hannahs großer Karriere vor der Kamera und sind dafür bereit, mit Hannahs aufreizender Inszenierung nicht nur vor der Linse weit zu gehen. Die unauffällige Brandy (Kaitlyn Dever) hingegen ist mit einer übervorsichtigen Mutter (Jennifer Garner, »Juno«) geschlagen, die Brandys gesamte Internetnutzung penibel kontrolliert, ihre Passwörter kennt, Nachrichten filtert und sich auch nicht scheut, zum Schutz ihrer Tochter vermeintlich riskante Kontakte von vornherein zu blocken.

Von Brandy angezogen fühlt sich der schüchterne Tim (Ansel Elgort»Divergent«), der sich vom gefeierten Star des schulischen Footballteams zu einem Einzelgänger entwickelt hat, seit seine Mutter die Familie verließ und nur noch über Facebook sporadischen Kontakt hält. Tims Vater Kent (Dean Norris, »The Counselor«) ist davon ebenso aus der Bahn geworfen worden wie vom Verlust der gemeinsamen Sprache Football — seit Tim lieber durch die Welten eines Online-Rollenspiels streift, findet Kent kaum noch Zugang zu ihm.

All diese Figuren begegnen einander, tauschen sich aus, missverstehen sich, kommen sich näher oder kämpfen mit Entfremdung. Das Internet und Social Media funktionieren dabei immer wieder als Metaphern und vor allem Ventile für diese Entfremdung, für Distanz und Unfähigkeit zur Kommunikation. Die Stärke des Films liegt einerseits klar in der Vielfalt der Ansätze, die vorgestellt werden, im Blick auf die unterschiedlichen Ebenen. Wie sehr die virtuelle Kommunikation Teil des menschlichen Alltags geworden ist, wird gekonnt in Szene gesetzt, wenn etwa drei Teenager-Mädchen beieinander sitzen und ihr direktes Gespräch mit parallel versandten WhatsApp-Nachrichten gleichsam untertiteln — ein Lächeln auf dem Gesicht, ein Lästern auf dem Display. Die ausgetauschten Nachrichten werden dabei für den Zuschauer sichtbar eingeblendet.

»#Zeitgeist« ist ein Ensemblefilm, der vor allem dadurch funktioniert, dass die Vielzahl der Charaktere sich eben auch mit einer Vielzahl von Problemen herumschlagen muss. Dadurch wird es mitunter ein wenig schwer, sich auf einzelne Erzählstränge ganz einzulassen: Wenngleich die meisten Schauspieler, vor allem der jugendliche Cast, ihre Sache gut machen, bleiben doch einige Rollen recht eindimensional angelegt. Zu berühren weiß aber insbesondere die Geschichte um Tim und Brandy, die entdecken, dass sie sich beide Rückzugsorte in der virtuellen Welt eingerichtet haben — und versuchen, in der realen einen gemeinsamen zu finden.

Neben Fragen nach Distanz und Nähe wirft der Film auch die Frage auf, wie die Möglichkeiten der Social Media auch elterliche Verantwortung und jugendliche Selbstbestimmung verändern. Eine endgültige Antwort gibt Jason Reitman auf diese Fragen nicht, er belässt es bei der Beobachtung, dass Extreme — sowohl Kontrollzwang als auch hemmungslose Selbstinszenierung — kaum zu einem guten Ende führen können, und dass Missverständnisse am besten dann überwunden werden, wenn man den Blick vom Display erhebt.

Das mögen Binsenweisheiten sein, die aber insgesamt durchaus ansprechend in Szene gesetzt werden. Zu wünschen wäre allenfalls, dass der filmische Fokus nicht allein auf dem virtuellen Raum als Ursache zwischenmenschlicher Entfremdung gelegen, sondern auch differenzierter nach Möglichkeiten ihrer Überwindung darin gefragt hätte: Ist die menschliche Nähe weniger wert, wenn sie durch ein Online-Portal vermittelt wird? Muss das Gefühl von Gemeinschaftlichkeit in einem Online-Rollenspiel zwangsläufig trügerisch und oberflächlich sein? Die Herausforderungen der neuen Kommunikationswege werfen letztlich Fragen auf, die Nähe und Distanz weitaus komplexer verhandeln, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Angedeutet wird das in »#Zeitgeist« jedoch eher subtil, alles andere hätte wohl auch den Rahmen des Films gesprengt. Dennoch: Obwohl Reitman sich den Fallstricken der virtuellen Kommunikation durchaus auf vielfältige Weise nähert und im Sinne seines roten Fadens alles stimmig verwebt, bleibt doch eine gewisse Enttäuschung ob der einseitigen Botschaft.

Mit der abschließenden  Sequenz, die wieder den Bogen zurück zum »pale blue dot« schlägt, ist auch der Maßstab klar, in dem die Bemühungen der Filmfiguren zu sehen sind: Warum im Weltraum nach Gesprächspartnern suchen, anstatt einfach das Smartphone sinken zu lassen? Ein gewagter Rahmen, den Reitman da bemüht. Denn der Grat zwischen aufrüttelnder Botschaft und penetrant erhobenem Zeigefinger ist sehr, sehr schmal.

Fazit

»#Zeitgeist« setzt Internet und Social Media als Teil des menschlichen Alltags vor allem visuell gekonnt in Szene und erzählt die Geschichten von Männern, Frauen und Jugendlichen von nebenan. Das Ergebnis ist ein solide umgesetzter und durchaus kurzweiliger Ensemblefilm, der bisweilen zu hart an der Grenze zum moralisierenden Lehrstück entlangschrammt und hinter dessen erzählerischer Vielfalt leider doch eine recht einseitige Botschaft wartet. Dass die durchaus zeitgemäß und angebracht sein mag, ist freilich eine andere Frage.

Autor: Sabrina Železný

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