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Weil seine Familie dagegen ist, hat die Liebe des aus gutbürgerlichem jüdischen Hause stammenden Robert Mendelssohn zu der Barsängerin Willie Bunterberg in Zürich kurz vor Ausbruch des II. Weltkrieges keine Chancen. Allerdings versuchen sich die Beiden auch weiterhin zu sehen. Willie wird während des Krieges durch die ungeheure Popularität des Liedes “Lili Marleen” zum Star. Doch sie steht wegen ihres jüdischen Geliebten Robert unter Beobachtung und verliert letztlich durch die Protektion der braunen Machthaber ihre große Liebe.

Kritik

Was sagen die aktuellen Chartplatzierungen über ein Land aus? Sicherlich eine Menge, lässt sich an diesem Hitlisten-Ranking doch – wenn auch nicht allgemeingültig – ablesen, welche Form der Musik momentan gefragt ist und welche Kriterien sie bedienen möchte. Wie sie technisch arrangiert sein sollte, was sie lyrisch aufbringen muss und, ganz übergreifend, ob sie eingängig oder doch sogar ein wenig herausfordern sein darf. Was wir im Film unter den Parametern der Sehgewohnheiten analysieren, das verstehen wir in der Musik als Hörgewohnheiten. Und auch dieser Punkt umfasst mehrere Ebenen, ist hier nämlich nicht nur das WAS gefragt, sondern auch das WIE. Interessanterweise gibt es viele musikalische Filme, die sich in verschiedenen Ausformungen beweisen: Musicals, Biographien. Aber sagen diese auch etwas über die Musik selbst aus?

Die besten Vertreter der Gattung des musikalischen Films definieren sich auch als Studie der Klangwirkung – und setzen sie im Idealfall in einen gesellschaftlichen Kontext. Und Lili Marleen von Rainer Werner Fassbinder (Die dritte Generation) ist ein Parabeispiel für diesen – recht verkopften – Umgang, obgleich gerade dieses Werk dann doch zu den „schwächeren“ Vertretern im kurzen, aber ausladenden Schaffen des deutschen Meisterregisseurs zählt. Gegenstand des Diskurses ist das titelgebenden Soldatenlied, dessen Geschichte allein, würde man nur die einzelnen Stationen des Schaffensprozesses begleiten, schon kinotauglich genug ist: Da hätten wir ein Gedicht, welches von Hans Leip 1915, damals auf dem Weg zur Front, verfasst wurde und von Nobert Schultze über 20 Jahre später eine Melodie maßgeschneidert bekam. Als Deutschland Polen annektierte, wurde der Schlager in einem Berliner Studio aufgenommen – und Interpretin Lale Anderson berühmt.

In allen deutschen Schützengräben sollte man nun tagtäglich die Stimme von Lale Anderson hören. Warum? Weil ihr Lili Marleen ein echter Sehnsuchtsschlager war, der den Soldaten ein Gefühl von Heimat schenkte – und, so hoffte man, sie alles dafür tun ließ, um diese wiederzusehen. Dass Goebbels dem Lied eine morbide Note unterstellte, einen demoralisierenden Leichengeruch, konnte nichts daran ändern, dass Lale Anderson von Adolf Hitler eine Villa spendiert bekam, der Führer nämlich war ausgesprochener Verfechter des Volksmusikrenners. Hanna Schygulla (Die Ehe der Maria Braun) verleiht Lale Anderson, in diesem Fall Willie getauft, ein Gesicht und hat es längst geschafft, zur deutschen Grande Dame aufzusteigen, und längst imstande ist, prestigeträchtige Projekte auf ihren Schultern zu tragen. Es ist eine interessante Beobachtung, zu sehen, wie Schygulla von Film zu Film pointierter agierte.

In Lili Marleen ist die Frau, die im oberschlesischen Königshütte das Licht der Welt erblickte, selbstverständlich auch keine Fehlbesetzung, dafür besitzt Hanna Schygulla einfach zu viel Grandezza, was sie auch hier immer wieder unter Beweis stellt. Lili Marleen, so wirkt es jedenfalls, hat allerdings mit den klassischen Problemen einer Auftragsarbeit zu kämpfen. Rainer Werner Fassbinder war ursprünglich nicht für den Regieposten vorgesehen, wurde dann aber durch Fürsprache von Schygulla verpflichtet. Mit einem üppigen Budget von 10 Millionen D-Mark im Nacken konnte Fassbinder natürlich protzen und seine von tiefen moralischen Diskursen durchwanderte Geschichte mit den entsprechenden zeitgenössisch-aufarbeiteten Bildern versorgen. Lili Marleen allerdings wirkt so, als sei man mehr darin interessiert, die Möglichkeiten der Produktion denn die Möglichkeiten der Reflexion auszureizen.

Im Kern ist Lili Marleen die herzzerreißende Dokumentation einer unerfüllten Liebe. Und, ganz Fassbinder-typisch, wird diese auch durch die Konventionen des klassischen Melodramas aufgebauscht. Es geht hier allerdings auch um die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, durch die Mechanismen des Nationalsozialismus zu Erfolg zu kommen? Darf man Nazi-Deutschland reinen Gewissens nutzen, um die Karriereleiter aufzuzeigen? Und überhaupt: Ist es möglich, ein Lied zum Politikum zu erheben, wenn der eigentliche Sinn dieses vollkommen unpolitischer Natur ist? Lili Marleen ist ein Film über moralische Sackgassen und immer deutlich sichtbar werdender Vertrauensgesetze, versackt aber im Abglanz des Ausstattungskinos. Oberflächlich, glattgebügelt, pompig. Es fehlt die eindringliche, innerdeutsche Strukturen offenlegende Virtuosität – als wäre Fassbinder vom Glitzern der teuren Kleider abgelenkt gewesen.

Fazit

Eine sehenswerte Enttäuschung. "Lili Marleen" ist kein schlechter Film, für die Ansprüche, die man an einen Künstler wie Rainer Werner Fassbinder stellen darf, aber bleibt er weit unter seinem Potenzial. Dabei ist die Reflexion über die Bedeutung des wohl größten Soldatenschlagers des zweiten Weltkrieges packender Katalysator für eine Studie über Moral, Leidenschaft und innerdeutsche Gepflogenheiten. "Lili Marleen" jedoch scheint zu sehr an Oberflächlichkeiten zu hängen, gibt sich irgendwann damit zufrieden, 10 Millionen D-Mark schweren Ausstellungskino zu sein.

Autor: Pascal Reis

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