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Armin wird langsam zu alt für das Nachtleben und die Frauen, die er mag. Er ist nicht glücklich mit seinem Leben, kann sich aber kein anderes vorstellen. Als er eines Morgens aufwacht, ist es totenstill: Die Welt sieht aus wie immer, aber die Menschheit ist verschwunden.

Kritik

Am Anfang steht die totale Desorientierung: Durch den Blickwinkel einer verwackelten Handkamera sehen wir Fetzten von strömenden Menschengruppen. Eine, scheinbar chaotische, Pressekonferenz wird abgehalten. Gesichter von Politikern wie Karl Lauterbach und Sarah Wagenknecht werden kurz eingefangen, im Hintergrund ist das Getuschel der Kameraleute zu hören. Das ist die Welt des Journalisten Armin (Hans Löw, Axolotl Overkill), der sich vollständig im hektischen Fluss des modernen Lifestyle befindet. Sein Chef ist unzufrieden mit seiner Arbeit, mit Frauen hat er kein Glück, die Beziehung zu seinem Vater (Michael Wittenborn, Wir sind die Neuen) ist angespannt und seine komatöse Großmutter liegt im Sterben. Letzteres bewegt Armin schließlich zur Reise in die Kleinstadt zu seinem Vater. Auch im Angesicht der Trauer ist die Dynamik zwischen beiden von Unausgesprochenen und Banalitäten geprägt. Zum millionsten Mal fragt ihn sein Vater, ob er denn mal die Merkel interviewt hat. 

In My Room präsentiert diese gesellschaftlichen Zustände der Normalität, die jeden Lebensbereich einnehmen und dekonstruiert sie radikal. Die Gespräche rund um Familie und Trauer, Politik und Welt, das gesamte soziale Miteinander verlieren alle ihre Bedeutung, wenn Armin eines Morgens erwacht und sich als letzter Mensch der Erde wiederfindet. Am Anfang sind es die zahlreichen Fahrzeuge, die alle plötzlich still und fahrerlos auf der Straße stehen, die den ersten Hinweis auf das Schicksal der Menschheit geben und spätestens wenn Armin einen komplett leeren Seedampfer erblickt, der einsam im Wasser umher treibt, besteht kein Zweifel mehr. Armin muss sich schnell mit dieser Situation abfinden. Die Welt, die nun mehr oder weniger seine geworden ist, erhält nun eine neue Bedeutung. Die einzigen die ihm geblieben sind, sind die Tiere. Der Hund des Nachbarn, der ihn zuvor noch aggressiv anknurrte, ist nun die wohl letzte Verbindung von Armin zu einem anderen Lebewesen. 

Regisseur Ulrich Köhler (Bungalow), dessen vorheriger Film Schlafkrankheit die Orientierungslosigkeit europäischer Entwicklungshelfer im kolonialen Afrika thematisierte, befasst sich mit In My Room mit einem, noch viel extremeren Grad der Desorientierung und der Suche nach Halt in einer ungreifbaren Welt. Wie viele Endzeitfilme ist auch In My Room nicht an der Kausalität des urplötzlichen Verschwindens der Zivilisation interessiert, sondern eher mit den Auswirkungen. Als die Gesellschaft noch existierte, war Armin nur einer von vielen, als letzter Mensch kann er ein Gott sein. Mitten in der deutschen Wildnis fängt er an, sich seinen Garten Eden zu bauen. Umringt von zahlreichen Tieren, auf die er alle behutsam aufpasst, richtet sich Armin mit seiner Einsamkeit ein. Als es noch eine Ordnung gab, durfte sich Armin anhören, wie gut er es doch mit seiner preisgünstigen Wohnung in der Großstadt hat. Nun ist alles seine Wohnung geworden und demnach ist jede Störung in seiner selbst geschaffenen Welt ein Einbruch in sein neues Empfinden von Normalität. Dazu gehört auch die Frage, ob er den wirklich der letzte ist. 

Inwiefern Normalität und soziales Leben nur Konstrukte sind, die in sich zusammen fallen können, ist nur eine von vielen Fragen, die In My Room aufwirft. Die nüchternen Bilder von Kameramann Patrick Orth (Toni Erdmann) zeichnen ein Bild von einer stillstehenden Welt, in der sich die Natur nun langsam alles zurück holt. Doch Köhler ist auch nicht wirklich an einer ökologischen Aufarbeitung interessiert sondern an dem Aufwerfen der Frage wie sich der Mensch selbst definieren kann, wenn ihm nichts mehr von dem bleibt, was ihn einmal ausmachte. Wie all diese Deutungsansätze sichtbar werden, ohne das der Film zur reinen Theorie verkommt, machen In My Room als grandiosen Endzeitfilm aus. Zu den Stärken von Köhlers Film gehört auch, dass er sich nie zu lange an Etappen der Realisierung des Weltuntergangs aufhält. Nur wenige, wortlose Einstellungen genügen um diese Welt ohne Menschen zu charakterisieren, wie auch die Tier- und Naturaufnahmen ausreichen, um das Paradies von Armin zu erläutern. 

Ob jenes selbst erschaffene Paradies wirklich eines ist macht den Kern von Köhlers Film aus. Armin verspürt selbst im Angesicht größtmöglichster Leere das Bedürfnis, seine Tiere in Käfigen zu halten, wo jene doch nun eigentlich frei sein könnten. Ebenso hält er an einem festen Wohnsitz fest, wo er doch eigentlich überall hingehen könnte. Die Vorstellung eines persönlichen Utopias bleibt gebunden an die ewig gleichen, menschlichen Bedürfnisse. Als bittere Ironie bleibt die Erkenntnis, das in so einem Utopia ein anderer Mensch keinen Platz hat, da er nur diese Ordnung aus dem Gleichgewicht bringen würde. Doch ohne jemand anderen, existiert jene Utopie vielleicht gar nicht oder sie bleibt auf ewig unvollkommen. Inwiefern dieses Konstrukt einer perfekten Welt uns Hoffnung in der Desorientierung bringen kann, verdeutlicht Köhler in der stillen Wucht seines Filmes.

Fazit

Ulrich Köhler ist mit "In My Room" ein grandioser Endzeitfilm gelungen, der auf zahlreichen Wegen Fragen über menschliche Entfremdung, verlorene Orientierung und die Suche nach einem persönlichen Paradies aufwirft.

Autor: Jakob Jurisch

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