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Ein Ex-Ganove, der gerade aus dem Knast entlassen wurde, muss sich um seine beiden jüngeren Brüder kümmern. Der eine ist spielsüchtig, der andere leidet unter dem Down-Syndrom.

Kritik

Manchmal muss man etwas weiter vom Mainstream-Radar schauen, um Erfüllung in der Kunst zu finden. Manchmal muss man die Kunst selbst verschleiern und unter einem Deckmantel aus Kargem und Unschönen begraben. Und manchmal muss man das Glück einfach beim Schopfe packen, ihm ein paar Zuhälterschellen verpassen und es zwingen, sich jetzt doch auch einmal auf die eigene Seite zu verirren. So oder ähnlich wohl geschehen bei Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan, die beide das Drehbuch zu Familiye verfassten und Regie bei dem Film führten. Die Ankündigung, dass der Stoff auf wahren Begebenheiten basiert, ist dabei nicht wie gewohnt mit einem Augenrollen verbunden. Stattdessen bezeugt diese Texttafel nur, was später im Film ohnehin spürbar wird. Die beiden Filmemacher wissen ganz genau, wovon sie hier erzählen.

Mit der unterstützenden Hand von Moritz Bleibtreu (mit hervorragender Leistung im Klassiker des Hamburger-Sozialdramas Chiko) produziert, haben die beiden Filmemacher acht Jahre lang an der Produktion und Finanzierung des Films gearbeitet und ihn aus eigener Kraft in die Kinos gestemmt. Von der Straße für die Straße, lautet die feste Ansage dabei. Dessen ist man sich sicher. Und mehr Straße als in Berlin-Spandau scheint es nicht zu geben. Beschmierte Wände, unzählige Türen, die man nicht öffnet, wenn man bei Verstand ist, laute Straßen, eigene gesellschaftliche Strukturen. Nicht als Staat im Staate, aber als abgesonderte Bevölkerungsgruppe werden die titelgebende Familiye und ihr ganzes Umfeld beschrieben. Andere Regeln herrschen hier. Wer nichts hat, außer Hunger, ist immer gierig. Wer einen Termin verschwitzt, bekommt das Jochbein eingedroschen. Wer sich mit beiden Beinen fest auf seine „Rechte“ stellt, geht barfuß nach Hause. Hier ist man fernab vom wohlbetuchten Prenzlauer Berg oder den künstlerschaltragenden Hipstern. Willkommen in Spandau. Grenzbezirk. Eine Scheibe. Wer zu weit nach außen abdriftet, fällt ins Nichts.

Familiye: Ein Titel, der in seiner klanggetreuen Schreibweise einerseits romantisch-einzigartige, andererseits beinahe höhnisch-sarkastische Elemente vereint. Und ein Film, der ebenso aus zwei dramaturgischen Richtungen besteht. Die charakterzentrierte und die plotzentrierte Richtung. In der ersteren liegen dabei deutlich die großen Stärken des Films. Die beiden Regisseure erzählen auf dieser Ebene von dem Zusammenhalt unter den verstoßenen Außenseitern. Sie erzählen von einem System, dass das Versagen für bestimmte Bevölkerungsgruppen vorschreibt. Quasi von einer selbsterfüllenden Prophezeiung der ausländischen Unterschicht: Erwartungen der Kriminalität führen zu sozialer Ausgrenzung, führt zu ungleichen Chancen, führt zum Wegweiser in die Illegalität. Auch wenn die Filmemacher hier deutlich Kritik äußern, lassen sie sich nicht dazu hinreißen, Witz aus dem Werk vollends zu verbannen. Angenehm humorvolle Elemente werden immer wieder eingestreut: Der große Bruder kommt aus dem Knast und geht als allererstes zum Barbier seines Vertrauens. Er hat Oberarme, die vom Umfang in etwa dem Torso des Autors entsprechen, und rührt trotzdem mit abgespreiztem Finger seinen Tee um - wat mutt dat mutt. So nutzen die Regisseure absurde Elemente der Kultur und Gesellschaft elegant, ohne den Respekt zu verlieren.

In den besten Momenten gibt der Film seinen Figuren dabei angenehm viel Platz, um Zusammenhalt, Ehre (oder das, was davon übrig geblieben ist) und den Frust gegenüber dem Rest der Welt zu untersuchen. Dies ist die charakterzentrierte Richtung. In der deplatziert plotorientierten Richtung verpufft hingegen vieles an Wirkung. Dabei schleichen sich vereinzelt Momente in den Film, die nichts zur Sache beitragen, extrem erzwungen sind und weder gut gespielt noch ansprechend inszeniert sind. Im Nachhinein gaukelt dieser „Plot“ dem Zuschauer einen oberschlauen Plan vor, den es so in diesem Film nicht gibt. Gemeinte Szenen erscheinen dabei mit wenig Vor- oder Nachbereitung und beweisen, dass Kohärenz einen riesigen Beitrag zur emotionalen Investition des Zuschauers liefert. Hier wird deutlich, dass für die Filmemacher der charakterzentrierte Teil des Films wesentlich wichtiger, weil persönlich greifbarer war. Dieser Teil ist weitaus gelungener, weil er ehrlicher ist. Weil der Zuschauer spürt, dass er eine Geschichte von Menschen erzählt bekommt, die wissen, wovon sie sprechen.

Fazit

Mit „Familiye“ kommt ein gelungener Beitrag zum deutschen Gangster-Kino von den beiden Regie-Erstlingen Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan in die Lichtspielhäuser. Mit einer angenehm unkünstlichen Portion Sozialdrama ausgestattet, folgt die Geschichte Danyal, der den Sünden seiner Familie hinterherläuft. Er landet letztendlich in einem Morast aus Solidarität und Selbstzerstörung, Chaos und Kriminalität. Wenn es nichts mehr bringt, andere zu bedrohen, wird die Waffe eben an die eigene Schläfe gesetzt. „Familiye“ fängt die sozialen Hürden und Realitäten aus den Randbezirken der Hauptstadt gut ein und hat sich einen Platz neben „Chiko“ verdient.

Autor: Levin Günther

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