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Inhalt

72 Stunden im Paradies wären wunderbar – wenn diese Hochzeit nicht wäre. Dort treffen Frank und Lindsay erstmals aufeinander. Sie haben vieles gemeinsam: Beide hassen die Braut, auch den Bräutigam, die Hochzeit, sich selber und – was bald klar wird – vor allem den jeweils anderen. Das unerbittliche Unterhaltungsprogramm des mehrtägigen Festes lässt sie immer wieder aufeinanderprallen. Doch unweigerlich steigt mit jedem Streit die gegenseitige Sympathie, die Anziehung zwischen den beiden ist nur schwer zu ignorieren. Und so müssen Frank und Lindsay eine Entscheidung treffen: für die aufkeimende Liebe – oder den gesunden Menschenverstand.

Kritik

Destination Wedding ist sicher eine der größten Überraschungen des Jahres und eine sehr intelligente wie auch einfühlsame Liebeskomödie über die Absurdität des menschlichen Narzissmus und wie er uns, in seiner subtilsten und bemitleidenswertesten Form, begegnen kann. Im Fokus - und das ändert sich über die Lauflänge hinweg bis auf wenige intensive Momente nicht - stehen Frank (Keanu Reeves, John Wick) und Lindsay (Wiona Ryder, Stranger Things) , für die am Anfang lediglich das "Ich" besteht, sich über die Lauflänge hinweg jedoch ein "Wir" konstituiert. Beide Charaktere sind auf eine Hochzeit eingeladen, auf der sie sich fehl am Platz fühlen. Frank ist ausschließlich wegen seiner Mutter, zu der er ein gestörtes Verhältnis pflegt, vorort und Lindsay wegen des Bräutigams, der absurderweise ihr Ex-Verlobter ist.  Frank fühlt sich genötigt hinzugehen und Lindsay möchte nicht ihr Gesicht verlieren, indem sie der Einladung des Bräutigams nicht nachgeht. 

Da erkennen wir auch schon den ersten Bruch in der Fassade: Beide wollen unbedingt den Anschein erwecken, sich nicht darum zu kümmern, was andere von ihnen denken, agieren jedoch nach gesellschaftlichen Konventionen. Das wird auch deutlich, wenn beide in einer Diskussion den moralischen Wert ihrer Berufe verteidigen. Es geht ihnen zu Beginn nur um sich selbst und dazu gehört  auch das Bild nach außen, auch wenn beide kein Interesse an einem eigenen Bild vom Außen hegen. Beide kennen nur den eigenen Nutzen und suhlen sich im Selbstmitleid. Sie bedienen sich eines fehlgeleiteten Pessimismus, der nicht konstruktiv erscheint, also nicht die fundamentale Kritik zum Widerstand gegen Zustände legt, sondern rein nihilistisch. 

Doch warum bedienen sie sich dieses Zustandes? Er ist einfach und erstickt jedes Verantwortungsgefühl im Keim. Jemand, der alles als absolut schlecht anerkennt, verschreibt sich der Ablehnung von allem, ebenso wie ein jemand, der alles als absolut gut anerkennt, sich der Zustimmung von allem verschreibt. Beides ist gefährlich und läuft auf dasselbe hinaus, auf das Beibehalten gegebener Zustände. So tappen Lindsay und Frank an der Stelle, entziehen sich der Realität und versuchen nicht schöpferisch auf ihr eigenes Schicksal einzuwirken. Diese Tendenz beobachten wir auch im politischen Diskurs (oder dem Nicht-Diskurs): Gerne wird sich einer Debatte dadurch entzogen, dass man Zustände als gegeben und unabänderbar oder optimal versteht. Doch ähnlich wie jemand, der einen strukturell bedingten Schicksalsschlag erlitten hat, häufig aktiv politisch wird, erleben auch Lindsay und Frank eine neue Facette ihres Daseins: Sie begegnen dem Fremden.

Im letzten Drittel des Filmes sehen wir Frank an einer Stelle alleine an einem Taxi-Stand stehen und er versucht mit einem Fremden zu interagieren, der ihn jedoch zu ignorieren scheint. Er erkennt, dass der Zustand, in dem er sich  bevor er mit Lindsay dem Fremden begegnete befand, ein sehr einsamer war und das an dieser Einsamkeit nichts Nobles ist, wie er es versucht in der ersten Hälfte noch zu legitimieren. Die wie Opium betäubende Decke aus nihilistischen Lügen ist weg. Nach dem Trailer und der Inhaltszusammenfassung war es zu erwarten, dass hier eine Liebesgeschichte erzählt wird, doch nicht, dass die Liebe hier für die Charaktere das Mittel zum Zweck mit einem eigenen zwecksmäßigen Wert darstellt. Die Liebesbeziehung dient neben der Existenz als solche zur Konfrontation mit dem Gleichen, um die eigene Situation erkennen zu können, die eigene Feigheit und die Fehlleitung der Lebensführung. 

Besonders deutlich wird das an einer Stelle, in der das Thema Beziehung diskutiert wird. Das ist hier ein sehr wichtiges Thema, weil das Eintreten in eine Beziehung Verantwortung  verlangt, die wiederum Mut erfordert, an dem es beiden fehlt. In Zeiten von Tinder und Co. scheint das-sich-Binden in Hinblick auf selbst auferlegt obligatorische Monogamie absurd zu sein, ist das Subjekt doch längst zu einem Objekt der Begierde materialisiert und damit austauschbar geworden. Demzufolge ist das-sich-Festlegen eine Form von Unabhängigkeit von heute und ein Schritt, der vielen Mut abverlangt. Bei Frank und Lindsay wird ein Bedürfnis des sich-Festlegens geschaffen, das sie jedoch aufgrund ihrer Lebensweise nicht befriedigen können. Der Impuls für das Überdenken des eigenen Lebenskonzepts ist gesetzt und die Liebe in ihrer gewaltsamen, einschüchternden und risikoreichen Kraft verstanden. 

Lindsay und Frank werden dabei in ihrer Menschlichkeit, mit eigenen Mäkeln in ihrer nicht-perfekten Perfektion aufgefasst, was die beiden Darsteller exzellent verkörpern. Die Inszenierung begleitet verständnisvoll, sensibel und lässt großen Raum für intellektuelle Gedanken und Ideen der Charaktere, die wie so oft ins Leere führen können, aber auch eine unbändige intellektuelle Kraft in sich tragen können. Jeder Moment, jedes Schweigen und jede Mimik ist von Bedeutung für das Zwischenspiel der Protagonisten. Victor Levin (Von 5 bis 7) hat einen Film geschaffen, der eigenartig unterhaltsam, optimistisch und dennoch melancholisch daherkommt. Die große inszenatorische Fähigkeit liegt darin, die Fehlleitungen der Charaktere als problematisch zu zeigen, indem der Mensch an sich als problematisch gezeigt wird. Es wird auf einen Vergleich mit anderen Menschen durch das Einordnen in eine Gesellschaft verzichtet: Frank und Lindsay haben Probleme, weil sie Menschen sind, nicht weil sie "schlechter" als andere Menschen sind.

Fazit

"Destination Wedding" ist einer der stärksten Filme des Jahres, eine der stärksten Liebeskomödien der letzten Jahre: Er versteht die menschliche Schwäche, hat ein kreatives Gespür für zwischenmenschliche Trends und begreift die zerstörerische wie schöpferische Kraft der Liebe.

Autor: Maximilian Knade

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