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Alvy Singer wird geplagt von der Frage nach dem Warum: Warum sind wir auf der Welt? Warum können Menschen in der Schlange vorm Kino nicht die Klappe halten? Und warum ging die Beziehung zu Annie Hall in die Brüche? Alvy trifft Annie bei einem Tennis-Doppel, zu dem ihn ein Freund einlädt. Alvy ist sofort begeistert von ihr und nach etwas holprigen Smalltalk lädt sie ihn zu sich nach Hause ein. Die beiden beginnen eine Beziehung und scheinen sich ungewöhnlich gut zu verstehen, doch Alvys neurotische Art und Annies Drang nach einem freien, selbstbestimmten Leben führen schon bald zu unüberbrückbaren Differenzen in ihrer Beziehung.

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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Liebesbeziehungen zwischen Männern und Frauen stecken voller Rätsel, Gemeinsamkeiten, einzigartigen Momenten, Streitigkeiten, frustrierenden Diskussionen oder niederschmetternden Brüchen. Das Kino ist reich an Geschichten, die sich mit dem Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Geschlechtern beschäftigen, doch nur wenigen gelingt es auf derartig spritzige, unterhaltsame und trotzdem anregende Weise wie Der Stadtneurotiker von Woody Allen (Blue Jasmine). Alvy Singer, gespielt von Allen selbst als mehr oder weniger originalgetreue Version seiner eigenen Persönlichkeit, hat es ohnehin nicht einfach im Leben. Dem Komiker fehlt es augenscheinlich an nichts, er hat Erfolg, wird auf der Straße regelmäßig von Fans erkannt und geht einem entspannten Lebensalltag in New York nach. Trotzdem ist Alvy gewissermaßen eine Zumutung für sich selbst und für Außenstehende seines Umfelds, denn durch seine neurotischen Ticks, die pessimistische Lebenseinstellung und zahlreiche andere Schwierigkeiten sieht er das Leben eher als sinnlose Last.

Trost und Erfüllung sucht der frustrierte, dauerhaft gestresste Intellektuelle bei der aufstrebenden Sängerin Annie Hall (Diane Keaton, Vater der Braut), mit der er eine Beziehung führt, die beiden das Glück auf Erden beschert, wenn sie nicht gerade dabei sind, sich gegenseitig Probleme zu bereiten und über das Ende ihrer Beziehung nachdenken.Mit einzigartiger Leichtigkeit und einem unvergleichlichen Sinn für spielerische, inszenatorische Feinheiten führt Allen durch eine chronologisch zerbröckelte Handlung, in der er das Verhältnis zwischen seinen beiden Hauptfiguren betrachtet. Allens Kreation von Alvy Singer ist dabei eine Hommage an all diejenigen, die sich im, für die meisten gewöhnlich erscheinenden, Wahnsinn namens Leben kaum zurechtfinden, bewusst anecken oder aufgrund spezieller, eigenwilliger Ansichten als nicht gesellschaftsfähig eingestuft werden. Auf selbstironische, aber ebenso nachdenkliche Weise hält sich der Regisseur damit in gewisser Weise einen Spiegel vor, reflektiert seine Macken und zeigt, dass auch in der Akzeptanz eigener Defizite glorreiche Momente verborgen liegen.

Die Dialoge in Der Stadtneurotiker, von denen viele mindestens denkwürdig, einige unvergesslich sind, rauschen nur so am Betrachter vorbei, während Allen Gedanken über die Liebe, das Leben und verschiedenste Zwischentöne seiner eigenen Herkunft und Leidenschaften, beispielsweise jüdische Sichtweisen, frustrierende Familienessen oder das Kino selbst, vornimmt. Alle Feinheiten und Ideen bei der ersten Sichtung zu erfassen, gestaltet sich als aufheiternde Herausforderung. Allen verbiegt das Medium ganz zu seinen Gunsten, durchbricht in urkomischen Momenten die vierte Wand, um beim Betrachter verzweifelt Zustimmung oder Anerkennung zu suchen, legt unter eine gewöhnliche Konversationen Texttafeln, die völlig konträr zum gesprochenen Wort die Gedanken der Protagonisten ausdrücken, flüchtet sich als Zeichentrickfigur in das Märchen von Schneewittchen, besichtigt im wahrsten Sinne des Wortes Stationen seiner Kindheit oder lässt den Geist von Diane Keatons Figur aus ihrem Körper flüchten, als diese keine Lust auf Sex mit Alvy hat. Der Regisseur scheut keine kreativen Kosten und Mühen, um das komplizierte Mit- und Auseinander von Mann und Frau zu beschreiben.

Dabei bringt er es am Ende doch so einfach auf den Punkt: "I thought of that old joke, y'know, the, this... this guy goes to a psychiatrist and says, "Doc, uh, my brother's crazy; he thinks he's a chicken." And, uh, the doctor says, "Well, why don't you turn him in?" The guy says, "I would, but I need the eggs." Well, I guess that's pretty much now how I feel about relationships; y'know, they're totally irrational, and crazy, and absurd, and... but, uh, I guess we keep goin' through it because, uh, most of us... need the eggs."

Fazit

Eine meisterhaft geschriebene und mit inszenatorischem Feingeist inszenierte Studie über das komplizierte Mit- und Auseinander von Mann und Frau. Woody Allen Klassiker "Der Stadtneurotiker" ist kluges, spritziges und ungemein nachhaltiges Kino. Ein Film, der sich selbst, seine Schöpfer sowie den Zuschauer gleichermaßen untersucht und voller weiser Erkenntnisse über das Leben selbst steckt.

Autor: Patrick Reinbott

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